niels boeing:
[...] es stimmt zwar, dass die vorkonfigurierten plattformen im netz vielen nicht-techies die möglichkeit geben, selbst zu publizieren und sich zu vernetzen. aber das "web der maschinen", das seit den 90ern unter der haube entstanden ist, entzieht sich mehr denn je dem verständnis eines durchschnittlichen users. hinzu kommt, dass die möglichen interaktionen von der architektur einer plattform vorgegeben sind und in nicht unerheblichem maße von den interessen des betreibers motiviert sind. dass diese interessen nicht unbedingt die der user sind, zeigt zum beispiel der (zurückgenommene) versuch von facebook, die geschäftsbedingungen so zu ändern, dass sich aus nutzerdaten kapital schlagen lässt (im wahrsten sinne des wortes).[...]
[...] wenn das web tatsächlich möglichst vielen zugute kommen soll, brauchen wir eine technische mündigkeit der user, die über das auswählen und anpassen von layout-vorlagen hinausgeht. natürlich wird nicht jeder zeit und lust haben, sich damit zu beschäftigen. aber die möglichkeit müsste da sein, sich technische grundlagen in einer allgemeinverständlichen sprache aneignen zu können.
ansonsten bleiben web-2.0-nutzer konsumenten mit der illusion, etwas bewegen zu können. diese illusion kann jederzeit platzen, wenn es einem plattform-betreiber gefällt, die nutzungsbedingungen zu verändern.
Niels, das bringt exakt zum Ausdruck, was ich selbst als einen großen Hemmschuh des Web für seine zukünftige Entwickling sehe. Immer mehr Leute werden durch die angebotenen "fertigen" Lösungen wie z.B. facebook absorbiert, etwas selber zu machen, z.B. ein eigenes Weblog zu gestalten überfordert viele immer noch technisch.
Es ist auch nicht gerade einfacher geworden. Dadurch, dass man interaktive Seiten - wie Du es nennst - eigentlich nur noch mit tiefen Kenntnissen von JavaScript/AJAX und Datenbanken bauen kann, sind gleich noch mehr Leute ausgeschlossen von der Webgestaltung. Ich empfinde es nach wie vor als Privileg, durch meine eigenen Kenntnisse eigentlich jede Idee umsetzen zu können, die ich habe. Der einzige limitierende Faktor ist dabei eigentlich Zeit und Geld, aber nicht das technische Wissen.
Aber wieviel mehr tolle Ideen könnten wohl das Licht der Welt des Web erblicken, wenn entweder das technische Wissen weiter verbreitet wäre, oder aber die Gestaltung deutlich einfacher wäre?
Ich glaube es führt kein Weg an der "technischen Mündigkeit" vorbei. Es hilft einzig, sich selbst mit der Technologie zu befassen. Man sollte sich nicht der Magie so einfach ergeben und die vorgefertigten Wege bequemer Weise entlanggehen. Wenn man etwas bewegen möchte, dann heißt das ja auch, dass man eine eigene Idee umsetzen möchte. Dafür das nötige Rüstzeug in Form von technischer Mündigkeit zusammenzustellen wäre aus meiner Sicht ein wirklich guter erster Schritt.
Es ist natürlich ein wenig wie mit dem Zitat von Karl Marx:
"Sell a man a fish, he eats for a day, teach a man how to fish, you ruin a wonderful business opportunity"
Die technische Mündigkeit würde eben einige "wonderful business opportunities" zerstören. Man stelle sich vor jeder würde seine eigene "facepage" machen statt in einem "facebook" engagiert zu sein...
Wohin die technische Unmündigkeit führt ist jedenfalls auch klar: Es wird einigen wenigen "Experten" das Feld überlassen und man macht sich unnötiger Weise abhängig von Expertenurteilen, dabei könte man sich prima selbst ein Bild von der Lage machen. Bestes Beispiel ist ja die gesamte Gesetzgebung rund um das Internet momentan, Stichwort "Zensursula".